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Jean Marie Gustave Le Clézio: Fliehender Stern

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Der Roman beginnt im Sommer 1943. Esther lebt mit ihren Eltern in St. Martin, einem Dorf in Südfrankreich nicht weit von der Italienischen Grenze. Die Nazis sind im Anmarsch, kurz vor der Besetzung Frankreichs. Eine bedrohliche Atmosphäre liegt in der Luft. Die dreizehnjährige Esther erfährt von dem Jungen Gasparini, „wenn die Deutschen kommen, bringen sie alle Juden um“. Wenn der Vater morgens weggeht, sieht Esther sein „gespanntes und düsteres Gesicht.“ Esther darf keine Fragen stellen. Sie darf nicht wissen, mit welchen Leuten sich Vater trifft. Er arbeitet im Widerstand und hilft Juden die Flucht über die Alpen. Esther beoabachte wie italienische Polizisten und Soldaten das Klavier des alternden jüdischen Pianisten Fernes in ihr Hotel schaffen. Das ist Krieg, stellt Esther fest; im Krieg können sie ihm das Klavier stehlen.

Ausgangssperre. Unruhe breitet sich aus. „Wenn die Deutschen kommen, verstecke ich dich in eine Scheune“, sagt der Junge Gasparini zu Esther. Ein Widerstandskämpfer kommt ums Leben und im Dorf verschwindet Rachel, die Hure, die bei den Italienern ein und ausging. Wie vom Erdboden verschluckt. Von den Italienern mit über die Grenze genommen, „oder nach Norden, wo die Deutschen die Juden ins Gefängnis steckten.

Die Atmosphäre vor der Einmarsch der Nazis wird aus der Perspektive des Mädchens geschildert. Ihre Vater nennt sie Estrellita, was kleiner Stern heißt. Estrellita wird zum fliehenden Stern. Mit ihrer Mutter Elisabeth flieht sie nach Jerusalem. Schon bevor die Nazis ins Dorf kamen, hat sie ihrer Tochter von Israel. erzählt. …die Stadt des Lichts, die Brunnen, den Ort, auf dem alle Wege der Welt zusammentrafen, Eretzrael, Eretzrael.

Als Elisabeth und Esther in Israel ankommen, erfahren sie, dass dort nicht der ersehnte Frieden herrscht. Auf dem Weg nach Jerusalem begegnen sie einen Flüchtlingsstrom, hundert Frauen und Kinder, Palästinenser, die aus Jerusalem fliehen mussten, wo Esther und Elisabeth hin wollen.

„Es liegt eine drückende Stille auf diesen Gesichtern, die Masken aus Staub und Stein gleichen.“ Aus dem Flüchtlingsstrom lösst sich eine Frau heraus und geht auf Esther zu. Sie hält ihr ein Heft hin. Auf der ersten Seite steht „NEJMA“ geschrieben. Nejma hält Esther einenBleistift hin, damit sie ihren Namen hineinschreibt. Dann drückt sie ihr Heft an Esthers Brust. Zwei flüchtende Frauen sind sich begegnet. Der Leser des Romans bekommt dieses Tagebuch im dritten Teil des Romans selbst in die Hand.

Viele Jahre nach dieser Begegnung erzählt Esther über Njema: „Sie ist aus einer Staubwolke aufgetaucht und in einer anderen Staubwolke verschwunden.“ Sie kauft sich ein schwarzes Heft. Auf der ersten Seite schreibt sie „Njema“, und hält ihr eigenes Leben darin fest.

Wie auch in seinem Roman „Der Goldsucher“ erweist sich Jean Marie Gustave Le Clézio auch in diesem Roman als Meister von Naturbeschreibungen, die im Handlungsgeflecht wunderbar eingeflochten werden. Die Beschreibung von Esters Kindheit in Südfrankreich wird auf diese Weise literarisch erhöht.

„Je weiter sie den Bachlauf hinaufkamen, desto schmaler wurde die Schlucht. Die Felsblöcke waren riesig, dunkel, vom Wasser glattgeschliffen. Es war, als würde das Sonnenlicht von ihnen verschluckt. Sie wirkten wie riesige, versteinerte Tiere, die vom Wasser des Baches umspült wurden. Die Wände der Schlucht über Tristans und Esthers Kopf waren von dichtem, dunklen Wald bedeckt. Alles war wild. Alles verschwand, wurde fortgerissen, vom Wasser des Baches überspült. Nur diese Steine, das Rauschen des Wassers und der gnadenlose Himmel geblieben.“

Die Figuren des Romans werden lebendig, reines Kopfkino. Das Leben in dem Flüchtlingslager ist auch auch sehr beeindruckend erzählt. Ohne Zweifel, eines der guten Romane des Autors.

Thomas Hardy: Tess

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Im Unterschied zu früher entstandenen Romanen wie „Am grünen Rand der Welt“ oder „Der Bürgermeister von Casterbridge“ trumpft Thomas Hardy in diesem seinem berühmtesten Roman noch ein mal auf, was die Beschreibung innerseelische Vorgänge betrifft und die Beschreibung landwirtschaftlicher Betriebe. Wie im „Bürgermeister von Casterbridge“ spielt die zunehmende Industrialisierung eine große Rolle.

Tess wächst als Tochter armer Landarbeiter auf, der Vater ständig betrunken, erfährt, dass sie Nachkommen der adligen Familie der “D’Urbervilles” sind und erhofft sich daraus Vorteile. Die Familie steht nämlich vor dem wirtschaftlichen Ruin, und Tess wird zur aangeblig adligen Mrs. Mrs. d’Urberville nach Tantridge geschickt, um dort Arbeit aufzunehmen, und macht Bekanntschaft mit ihrem Sohn Alec, der sie verführt und unehelich schändet. Diese Schande lastet auf Tess schwer und treibt ihre spätere Ehe mit Angel Clare auseinander.

Alec d’Urberville ist eine zwielichte Gestalt des Romans, außerdem, so stellt es sich heraus, ist er kein Nachkomme des adligen Geschlechts. Er schändet Tess, erlebt eine Läuterung als Wanderprediger und begehrt Tess wieder sehr hartnäckig, als sie sich später begegnen. Wie in seinem Roman „Der Bürgermeister von Canterbridge“ vertritt Hardy auch hier die These, dass der Mensch seinen Charakter nicht andern kann. Genau hier setzen die Zweifel von Tess an. Sie glaubt nicht an spirituelle Läuterung von Alec. Mit dem Gedanken ihrer Schändung im Hinterkopf heißt es in Kap.45:

“Je größer der Sünder, desto größer der Heilige- es war nicht nötig, sich tief in die Geschichte des Christentums zu begeben, um dies zu entdecken.(Kap. 45)

Hardy bezieht sich auf die große Sünde, die Alec ihr angetan hat, und verbindet sie mit einer allgemeinen Kritik des Christentums. Im Kapitel 47 heißt es:

“Sie und Ihresgleihen, ihr frönt sittsam eurem Vergnügen auf Erden, indem ihr das Leben von meinesgleichen bitter und düster vor Kummer und Sorgen macht; und dann, wenn ihr genug davon habt, ist es eine feine Sache, daran zu denken, euch euer Vergnügen im Himmel zu sichern und euch zu bekehren!”

Tess ward von Alec geschwängert. Sie fühlt sich als Ausgestoßene. Ihr Kind stirbt und bekommt auf dem Friedhof nur Platz, wo Trunkenbolde, Ungetaufte und Selbstmörder liegen. Als Angel Clare, Sohn eines Geistlichen, Tess heiratet und von ihrer Schande erfährt, lässt er sie sitzen, verlässt das Land um in Brasilien als Landwirt beruflich weiterzukommen.

Im englischen Original heißt der Roman: “Tess of the d’Urbervilles: A Pure Woman Faithfully Presented”. Tess „die Reine“ wird den unreinen Männern ,Alec und Clare, gegenübergestellt. Denn auch Clare, der seine Frau verlässt und versucht eine andere Frau mit nach Brasilien zunehmen, ist in seinem Verhalten eine zwielichte Persönlichkeit. Tess, alleine gelassen, verhält sich weiterhin als Ehefrau und geht Komplimenten aus dem Weg. Um bei den Männern nicht aufzufallen, rasiert sie sich die Augenbrauen ab und zieht mit unansehlicher Kleidung umher, deswegen Hardy sie wohl als „rein“ betrachtet. Sie geht der Sünde aus dem Weg.

Werfen wir abschließend einen Blick auf die zunehmende Industralisierung. In Kap. 47 behandelt Hardy ausführlich die Dampfmaschine, eine dampfbetriebene Dreschmaschine. Da es noch nicht so viele Dreschmaschinen gab, wanderte der Maschinist mit der Maschine von Betrieb zu Betrieb. Hardy beschreibt, wie der Mensch in Abhängigkeit zur Maschine gerät:

“Auch diejenigen auf dem Weizenschober, redeten ein wenig aber alle, die an der Maschine schwitzten, einschließlich Tess, konnten ihre Arbeit nicht durch den Austausch vieler Worte erleichtern. Es war die pausenlose Anspannung bei ihrer Arbeit, die tess auf eine so harte probe stellte und sie schließlich wünschen ließ, sie wäre nie nach Flintecomb-Ath gegangen.”

Diejenigen die nicht an der Maschine standen konnten Bier oder Tee trinken, sich im Klatsch austauschen, sich den Schweiß abwischen, doch für Tess an der Maschine war das nicht möglich, für sie gab es keine Atempause.

Clare ist der Prototyp eines Karrieristen, der allerdings Opfer der zunehmenden Industrialisierung. In Brasilien ist er krank geworden und kehrt heim, abgemagert bis zum Knochengerüst.

Das Lesepublikum hat es Hardy übel genommen, dass die geschändete Frau als „rein“ bezeichnet wird. Das lief den viktorianischen Vorstellungen konträr. Und dann rächt sie sich auch noch. Im Nachwort der dtv- Ausgabe heißt es, im Vorabdruck in Literaturzeitschriften wurden einige Stellen, die als zu gewagt galten gestrichen. Die Verführung durch Alec wurde in eine Scheinhochzeit verwandelt. Tess’ Schwangerschaft und die Geburt des Sohnes fielen der Zensur zum Opfer u. a.m. Dorothee Birke vermutet im Nachwort ein Zähneknirschen Thomas Hardys, was die Änderungen betrifft. Im Nachwort heißt es:

„Große Literatur, so schreibt Hardy, könne nur entstehen, wenn es möglich sei, sich über die engen Moralvorstellungen der Hauptleserschaft dieser Instutionen hinwegzusetzen und gerade das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ohne Prüderie und ohne den Blick durch eine rosarote Brille darzustellen.“

Thomas Hardy: Der Bürgermeister von Casterbridge

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Der Roman beginnt, „als das neunzehnte Jahrhundert sein erstes Drittel noch nicht voillendet hatte,“ als kurz bevor das Viktorianische Zeitalter anbricht. Ein junges Ehepaar ist in südenglischer Landschaft auf Wanderschaft, auf dem Weg nach Weyden-Priors, einem größerem Dorf in Upper Wessex. Die Frau trägt ihr Baby in einem Korb, welchen sie vor dem Bauch gebunden hat. Schweigsam gehen sie des Weges. Es sind Michael Henchard, der Heubinder und seine Frau Susan.

In den Beschreibungen zu Beginn des Romans lässt Thomas Hardy Beobachtungen einfließen, die auf die Charaktere der Personen hindeuten. So erzählt er über Michael, „in dem Heben und Aufsetzen der Füße lag auch eine verbissene und zynische, ihm eigentümliche Gleichgültigkeit…“ (Kap. 1). Die Frau dagegen, „hielt ihre Augen meist starr nach vorn gerichtet“ (dto). Das sagt schon vieles. Das Verhältnis zwischen den beiden ist innerlich schon zerbrochen, bevor Michael Henchard im betrunkenen Zustand auf dem Markt von Weyden-Priors seine Frau leichtfertig an einem Seemann verkauft. Im nüchternen Zustand bereut Henchard diese Tat, seine Frau bleibt aber verschwunden. Erst zwanzig Jahre später taucht sie mit ihrer Tochter Elisabeth-Jane in Casterbridge auf, dem Ort, an dem Michael Henschard inzwischen Karriere gemacht hat. Er ist Bürgermeister, Getreidelieferant und Friedensrichter, hat alles erreicht, was ein Mensch an Ansehen erreichen kann. Damals, als er seine Frau aus den Augen verlor, schwor er, die nächsten einundzwanzig Jahre( „das sind so viele Jahre, wie ich gelebt habe“, Kap 2) in Abstinenz zu leben. Er trank keinen Alkohol mehr und konzentrierte sich auf seine Karriere. Doch als seine Frau nach 19 Jahren wieder in sein Leben tritt, wird er von seiner Vergangenheit eingeholt, und sein ungehobelter, leichtsinniger Charakter tritt wieder in den Vordergrund. Die einundzwanzig Jahre Abstinenz sind abgesessen, und er beginnt, sich wieder dem Alkohol hinzugeben. Alle seine menschlichen Schwächen, sein übler Charakter zeigt sich wieder, bringt Kummer, Leid und Tod.

In Kapitel 17 verweist Hardy auf ein Zitat des Romantikers Novalis: „Charakter ist Schicksal“, das bedeutet, nach Novalis Ansicht und auch Hardy vetritt in diesem Roman diese These, ist der Mensch seinem Charakter ausgeliefert. Auch Michael Henchard kann seinem Charakter nicht entfliehen. Es gelingt ihm nur einundzwanzig Jahre. Er hat eine Auseinandersetzung mit seinem Assistenten Donald Farfrae, der sich dann selbständig macht und Henchard im Getreidegeschäft zum ernsthaften Konkurrenten wird. Michael Henchard wird von Missgunst getrieben und versucht vergeblich seinen Widersacher in den Konkurs zu jagen. Thomas Hardy kann sicherlich auch deswegen Farfrae nicht in den Niedergang rutschen lassen, weil dieser Getreidelieferant moderne Maschinen benutzt, Farfrae im Roman als Symbolfigur des aufkommenden Industriezeitalters ist.

“Es war ein neumodisches landwirtschaftliches Gerät, Sämaschine genannt, das bis dahin in diesem Teil des Landes in seiner modernen Form unbekannt gewesen war, da hier wie in den Tagen der Heptarchie der ehrwürdige Saatkorb zum Säen benutzt wurde.” (Kap.24)

Michael Henchard, Vertreter der älteren weniger fortschrittlich eingestellten Generation muss auch aus diesem Grunde ins Verderben stürzen.Über die vielgestaltigen zwischenmenschlichen Kontroversen und Probleme Henchards lasse sich der Leser des Romans überraschen und mitreißen.

Interessant finde ich Hardy’s Konsumkritik:

“Denn nichts ist heimtückischer als das Wecken von Wünschen aus einer bloßen Laune heraus, sowie von Bedürfnissen aus bloßen Wünschen.” (Kap.15).

Dazu gibt Hardy ein eindrucksvolles Beispiel, was ich als Falle des Konsums bezeichnen möchte:
Henchard schenkt Elisabeth-Jane ein Schachtel zartfarbener Handschuhe. Elisabeth hatte aber keinen passenden Hut dafür und kaufte sich einen. Dann musste sie sich auch noch ein Kleid kaufen und einen passenden Sonnenschirm. All das nur wegen ein paar Handschuhen.

Auch mit diesem Roman hat mich Thomas Hardy fesseln können. Sehr bildhaft beschreibt er Landschaft, Häuser, Charaktere. Der Leser bekommt einen Eindruck davon, wie Menschen damals gelebt haben. Die Handlung ist mitreißend.

Thomas Hardy: Am grünen Rand der Welt

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Schon auf den ersten Seiten habe ich das Gefühl, einen großartigen Erzähler vor mir zu haben. Der Mensch in der Natur. Hardy lässt viel Raum für Naturbeschreibungen und für die Charakterisierung des Protagonisten. Damals, als dieser Roman entstand, im Jahre 1874, galt es schon als etwas besonderes, wenn Menschen „die Zeit an den Sternen und an Sonne und Mond ablesen“ (Kap.XV) können. Nach Kap. XV galt Oak als sehr gebildet. Dieses Einssein mit der Natur, was bei Oak noch vorhanden ist, gilt nicht mehr für selbstverständlich. Der Farmer Gabriel Oak, von dem der Roman handelt, besitzt eine Uhr, die älter ist als sein Großvater. Minuten lassen sich noch ablesen, aber es war nicht sicher, zu welcher Stunde sie gehörten. Also schaute er in den Himmel. Zur Sonne und den Sternen. Der Himmel, d.h. der Kosmos wird als ein zusammenhängendes Gebilde betrachtet, es heißt

„das Funkeln all der Sterne schien wie der Rhythmus eines einzigen Körpers, im Takt eines allumfassenden Pulsschlags“ (Kap.II).

In einem fiktiven Landstrich, den Thomas Hardy „Wessex“ nennt, dort in der Ortschaft Norcombe besitzt der Farmer Gabriel Oak eine kleine Schaffarm. Er ist 28 Jahre alt und Junggeselle.

Es mutet schon wie ein Märchen an. Das Mädchen Bathsheba Everderne kümmert sich um die Kühe ihrer Tante. Die Kühe grasen auf Gabriel Oaks Weide. Das Mädchen verliert eines Nachts ihren Hut, den Oak findet und ihr wieder zurückgibt. Die zweite Begegnung ist noch märchenhafter. Oak hat in seiner Hütte fasst das Bewusstsein verloren, weil die Luftzufuhr in dem Raum verhindert war und wacht im Schoß von Bathsheba auf. Sie hat ihm wohl das Leben gerettet, und er verliebt sich in sie. Es geht ziemlich schnell, wie ihm Märchen. Der 28 jährige Bauer möchte Bathscheba heiraten. Darum geht er zu ihrer Tante, und bittet Bathsheba sprechen zu dürfen. Die Tante sagt, Bathsheba habe schon Verehrer, deswegen Oak keine Chance mehr sieht, das Mädchen zu bekommen Er geht wieder. Batheba läuft Oak aber nach, was für ihn bedeutet, sie wolle ihn heiraten. Warum sollte sie ihm sonst hinterherlaufen? Bathscheba lehnt aber eine Heirat ab, weil sie ihn nicht liebe und sich nicht binden wolle. Sie sei ihm nur nachgelaufen, weil die Tante fälschlicher Weise ihr einige Verehrer angehängt hatte. Sie wollte nur richtigstellen, dass das nicht stimmt. Gabriel Oak fühlt sich an der Nase herumgeführt. Der Leser bekommt den Eindruck, er sei beleidigt. Als ob er schon alles Menschenmögliche versucht hat, sie umzustimmen, sagt Oak am Ende des vierten Kapitels, er werde sie nicht mehr fragen.

Durch eine tragischen Zwischenfall verliert er seine Schafherde und gerät in Armut. Als er sich mit diesem Schicksal arrangiert hatte, ist er froh, dass er keine Frau hat, wie sollte sie auch diese Armut ertragen. In Kap. VI heißt es:

„Hof und Herde waren dahin, aber er hatte zu einer Gelassenheit gefunden, die er vorher nicht gekannt hatte, und dazu jenen Abstand zu den Wechselfällen des Schicksals, der zum festen Grund für menschliche Größe wird, wenn er den Betreffenden nicht, wie das oft geschieht, auf schlimme Wege bringt. So war Gabriel in seiner Erniedrigung erhöht worden, und sein Verlust wurde zum Gewinn.“ (Kap. VI).

Trotz dieser Gelassenheit hat er aber Bathsheba nicht vergessen. Er hat mitbekommen, dass sie nicht mehr bei ihrer Tante lebt, sondern in Weatherbury. Seine Suche nach Arbeit führt ihn durchaus gewollt an diesem Ort. Bathsheba ist dort, weil ihr Onkel gestorben ist, zu einer Farmersfrau aufgestiegen und Oak wird ihr Untertan, wird Schäfer ihres Betriebes. Bathshebas Verhalten ihm gegenüber ist sehr kühl. Thomas Hardy erläutert das so:

„Wenn Zeus und seine Familie in den Schriften der späteren Dichter plötzlich aus ihrer engen Behausung auf dem Gipfel des Olymp in den weiten Himmel darüber erhoben werden, wird auch ihre Rede entsprechend arroganter und distanzierter.“ (Kap. X).

Trotz des tragischen, ernsten Inhaltes zeigt sich Thomas Hardy auch von der humoristischen Seite. So gibt es ein Gespräch zwischen Männern in einer Mälzerei, heute Kneipe, in dem einer über den anderen herzieht. Leicht spöttelnd, schmunzelerregend.

Amüsant ist auch, wie der junge Cain Ball, der auf der Farm Unterschäfer werden soll, zu seinem Namen gekommen ist:

„Seine arme Mutter war keine besonders bibelfeste Frau und hat sich bei der Taufe geirrt. Sie hat geglaubt, es sei der Abel gewesen, der den Kain getötet hat, und darum hat sie den Jungen Cain genannt, obwohl sie den Abel gemeint hat.“ (Kap. X).

Was Bathshebas Beziehung zum Farmer Boldwood betrifft, so gilt sie als leichtfertig, unernst und unreif. Aus purem Spaß schickt sie Boldwood eine Valentinskarte, die mit einem Siegel versehen ist, auf dem „HEIRATE MICH“ steht. Bathsheba denkt sich nichts dabei, für den Farmer ist es aber ein Auslöser, dass er sich für sie interessiert und ihr einen Antrag macht, der von Bathsheba abgelehnt wird.

Über Bathsheba heißt es:

sie „wußte einigermaßen, wie sich Liebe äußerst; aber von dem, was Liebe bewirkt, hatte sie keine Ahnung“ (Kap. XIII)

Thomas Hardy ist ein feiner psychologisch tiefsinniger Beobachter. Darin zeichnet sich der Roman aus. Sehr sorgfältig bildet er Charaktere und lässt den Leser in innerpsychische Vorgänge blicken.

Bathshebas Gespaltenheit in ihrer Beziehung zu Boldwood kommt in der ersten Begegnung mit dem Farmer sehr schön zum Ausdruck, und zeigt auch, dass Bathsheba mit der Liebe verantwortungslos herumspielt:

„Ich habe mich nicht in Euch verliebt, Mr. Boldwood – das muß ich offen aussprechen.“ Zum ersten Mal erlaubte sie sich ein winziges Lächeln, und in den weißen Zähnen, zusammen mit dem dezidierten Schnitt der Lippen, deutete sich ein Gefühlskälte an, die sofort von der Wärme des Blicks widerlegt wurde.“ (Kap. XIX).

Wenn sich Boldwood und Bathsheba erstmals von der Ferne aus betrachten, erzählt Hardy ganz wunderbar, was in den Personen vor sich geht. (XVIII).

Dann taucht Sergeant Francis Troy in Bathshebas Leben auf. Troy macht sie mit Komplimenten völlig kirre (Kap XXVI). Wie herrlich Hardy Dialoge formt, kann der Leser u.a. auch hier genießen. Lebendig, realistisch, unterhaltsam. Doch ist Frank Troy ein Blender. Bathsheba aber lässt sich blenden und verliebt sich in diesem Exentriker. Diese Liebe steht unter keinem guten Stern.

Gabriel ist der Ruhepol der turbulenten Handlungen und Geschehnisse und ist gleichzeitig Bathshebas vertrauter Freund. Das zeigt sich inbesondere in den Kapiteln um das Gewitter. Francis Troy und die Arbeiter der Farm schlafen ihren Rausch aus, in dieser Nacht aber ein starkes Gewitter die Weizenernte gefährdet. Der einzige der sich um die Gefahr kümmert ist Gabriel Oak und Bathsheba kommt hinzu. Die Kapitel um das Gewitter (Kap. XXXVI – VII) sind vielleicht der Höhepunkt des Romans. Gabriel, der Naturmensch, der die Uhrzeit an den Gestirnen abließt, riecht auch das aufkeinemde , unheilbringende Gewitter und handelt verantwortungsvoll. Hardys Beschreibung des Gewitters finde ich einmalig schön. Desweiteren erfährt der Leser, die Vertrautheit zwischen Gabriel und Bathsheba, welche hier schon einen Grundstein für den Romanschluss legt.

Thomas Hardy ist ein ausgezeichneter Schreiber von Dialogen, denen es an dramaturgischer Spannung nicht fehlt. Zusammengefasst lässt sich sagen, ein Roman, der den Spannungsbogen bis zum Schluss hält. Unterhaltung auf hohem Niveau, damit meine ich, ein hervorragender Schmöker. Hardy ein wunderbarer Erzähler, der sein Handwerk versteht.

Hermann Ungar: Knaben und Mörder

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Hermann Ungar: Knaben und Mörder
Zwei Erzählungen (1921)

I. „Ein Mann und eine Magd“

Eine Ich-Erzählung. Der Protagonist ist ohne elterliche Fürsorge aufgewachsen und verbrachte seine Jungend in einem Siechenhause. Auch wenn er dort als einziger Knabe zu Arbeiten ausgenutzt wurde, fühlte er sich aufgrund seiner dortigenAufgaben als ein „notwendiges, wenn nicht bedeutendes Glied der Gesellschaft. In der Schule dagegen wurde er, weil seine Mutter ihm in Stich gelassen hatte, nur verhöhnt und verachtet. Im Siechenhaus fühlte er sich zur Magd Stasinka hingezogen. Ohne weiteres können wie sie als für den Jungen gewünschten Mutterersatzes sehen. Und hier wiederholt sich das Trauma des Verlustes seiner Mutter. Einen zärtlichen Annäherungsversuch wehrt die Magd ab.

Jahre später. Mit vierzehn Jahren verlässt der Junge das Siechenhaus, will sich mit Arbeit durch das Leben schlagen. Vor allem will er viel Geld verdienen und Stasinka beeindrucken, reist sogar nach Amerika und kehrt als reicher Herr zurück. Stasinka lässt sich von seinem Reichtum überhaupt nicht beeindrucken. Ihr Leben ist voll von Demut, eine Gehorchende, eine Fromme, die nur ihre Arbeit tut. Es bleibt dabei, Reichtum hat für sie keine Bedeutung. Stumm und völlig uninteressiert begleitet sie unseren Protagonisten auf seiner zweiten Amerikareise. Weil sie ihn zurückweist, will er sich an der Magd rächen und verkauft sie an ein Rotlicht – Etablissement.

Obwohl er reich geworden, ist er ein glückloser Mensch geworden, der, was Menschlkeit betrfft, arm geblieben ist. Hier dürfen wir an den Beginn der Geschichte anknüpfen. Von seinen Eltern hat er auch keine menschliche Wärme bekommen. Ungar zeigt aber auch, dass ein Mensch mit seinem Kindheitsschicksal sich auch ganz anders entwickeln kann. Gerade dieser Umstand verleiht der Geschichte Größe und hebt sie weg von banaler Schwarz – Weiß – Malerei eine ungünstige Erziehung müsse unbedingt auch ein ungünstiges Menschenschicksal hervorbringen. Die erotische Passagen dieser Erzählung waren zur Zeit der Enstehung, 1921, sicher außergewöhnlich und mutig, heute allerdings e nichts besonderes.

Hermann Ungars intensive bildhafte Beschreibungen haben mir sehr gefallen.

II. „Geschichte eines Mordes“

Die Geschichte beginnt mit der Überlegung, wo das sog. Böse zu orten sei. Der Protagonist weiß nicht, ob seine Abneigung gegen bucklige Menschen die Folge von seiner Abneigung gegen den buckligen Friseur der Stadt ist., oder ob es sich anders Verhalt, seine Abneigung gegen den Friseur seine Abneigung gegen Bucklige bestätigt. Sein Widerwillen gegen alles Schwache und mit Makel Gezeichnete ist nur ein Spiegel seiner selbst. Er, unser Protagonist, der Soldat werden wollte, aber da er zu kränklich und schwach ist, wurde er aus der Kadettenschule schnell wieder gefeuert.

Psychologisch gesehen schreibt Hermann Ungar über eine Form des Abwehrmechanismus, der „Verschieben“ genannt wird. Sein Selbsthass verschiebt sich auf den Friseur, außerdem auch auf Tiere, die er sadistisch quält. Es sei bemerkt, auch der Protagonist, der, obwohl er nie Soldat war, „Soldat“ genannt wird, war wie auch der Protagonist der vorangegangenen Erzählung in seinen Knabenjahren nie von Liebe umgeben. In den beiden Erzählungen, die Ungar unter dem Titel „Knaben und Mörder“ veröffentlicht hat, geht es immer darum, wie sadistisch ein Mensch werden kann, der ohne liebevolle Erziehung aufgewachsen ist. Der Vater des sog. „Soldaten“ in unserer zweiten Erzählung, wird als „General“ verspottet. Er ist Militätarzt gewesen, aber niemals General. Unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Der Spott, der vom buckligen Fiseur eingeleitet wird, wird sehr subtil beschrieben und psychologisch meisterhaft ausgeleuchtet. Schließlich wird der Vater von vielen Menschen der Stadt als „General“ subtil verspottet. Der ehemalige Militärarzt kann sich dagegen wehren. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn wir mit heutigem Vokabular sagen, der Vater wurde gemobbt. Sein Sohn, der sog. „Soldat“, will seinem Vater Würde zurückgeben. Er schafft es aber nicht.

Die beiden Erzählungen sind heute immer noch aktuell. Hermann Ungar hat ein großes Gespür für menschliche Verhaltensmuster.

Meine Lesehighlights 2012

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Mo Yan: Die Knoblauchrevolte
Dave Eggers: Weit gegangen
John Steinbeck: Früchte des Zorns
Bartholomäus Grill: Ach Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents

Auffallend ist, dass die drei Romane gesellschaftskritische Romane sind. Der von Dave Eggers kann sogar zum großen Teil als Antikriegsroman bezeichnet werden.In “Früchte des Zorns” klagt Steinbeck die Banken als gefährliche Monster an,ein Roman gegen Ausbeutung von Menschen. Der Roman trägt immer noch aktuelle Bezüge. In der Mo Yan’s “Die Knoblauchrevolte geht es um einen Bauernaufstand gegen stumpfsinnige Behörden und Machtwillkür. Die Menschenschicksale haben mich tief getroffen, auch die Schicksale bei Dave Eggers in “Weit gegangen”. Dave Eggers’ schildert die Ereignisse des Bürgerkrieges ohne Partei zu ergreifen. Das Buch macht betroffen, auch hilflos.

Das Buch über Afrika von Bartholomäus Grill sollte jeder lesen. Es sollte Pflichtlektüre sein gerade auch für diejenigen, die wissen wollen, wie das Leben auf unserem Planeten ist, wie Menschen sein können, wie Macht funktioniert, was Vorurteile aus uns Menschen machen können. Das Aids-Dilemma, Hungersnöte, die wunderbare Kultur Afrikas. Ein Lese-Muss.

Mark Twain: Eine Bluttat, ein Betrug und ein Bund fürs Leben

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Nicht nur am Rande eines abgelegenen Dorfes in Missouri lebt der Farmer John Gray mit seiner Familie, sondern es ist gleichzeitig auch außerhalb der Welt des Fortschritts. Die Bewohner von Deer Lick sind nie mit der Eisenbahn, mit Dampfschiffen, Telegraphen und Zeitungen in Berührung gekommen. Ein hinterwäldlerisches Kaff, in dem die Protagonisten auch einen sonderbaren Dialekt sprechen, der in der deutschen Übersetzung an einigen Stellen zu Tage tritt. In dieser Abgeschiedenheit bleiben auch die Träume von Reichtum auf der Strecke. Um an Geld heranzukommen, will der Farmer seiner Tochter Mary an den reichen jungen Herrn Hugh Gregory verheiraten, doch dann scheint eine alte Familienfehde dieser Verbindung einen Strich durch die Rechnung zu machen. Schließlich fällt auch noch ein Franzose nicht nur sprichwörtlich vom Himmel. Sein Heißluftballon ist abgestürzt. Der Franzose war ein Mitarbeiter des französischen Romanciers Jules Verne, den Mark Twain nicht leiden konnte. Im Nachwort von Georg Klein ist nachzulesen, Twain habe Julen Verne „einen französichen Idioten“ genannt, „unter dem die Welt schon viel gelitten habe…“ In Twains Erzählung wird Jules Verne vorgeworfen, „Romane über Erfahrungen zu schreiben, die nicht die seinen seien.“ In diesen Passagen der Erzählung kann der Leser die humoristischen Ader Mark Twains kosten. Aufjedenfall, dieser vom Himmel gefallene Franzose bringt die Story ins Trudeln, und wir dürfen uns freuen, dass diese Erzählung im Jahre 2001 endlich erscheinen konnte.

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